Fahnen zur See

1) Nationalflagge und zivile Schiffahrt

Abbildung der hannöverschen Nationalflagge zur See3

Vor Beginn der Personalunion mit Großbritannien 1714 gab es, wie an Land, keine einheitliche, verbindliche oder gar gesetzlich geregelte Beflaggung der hannöverschen Schiffahrt, zumal das Kurfürstentum Hannover erst kurz vor der Jahrhundertwende durch die Vereinigung der welfischen Herzogtümer Calenberg und Celle errichtet worden war. Gebräuchlich war seither ein rotes Tuch mit dem weitspringenden Sachsenroß, das entweder in der Mitte der Fahne oder in ihrer oberen-linken Ecke plaziert war1,3,12,14. Gebräuchlich waren außer Flaggen im heutigen Sinne auch Wimpel3.

Fahnen als Hoheitszeichen eines Staates wurden an Land erst mit der französischen Revolution populär und nach der napoleonischen Zeit üblich. Anders war dies auf See. Großbritannien mußte aufgrund seines regen Schiffsverkehrs mit den Kolonien seine Schiffe vor Piraten schützen und brachte jedes Schiff auf, das nicht eine durch die Britische Admiralität approbierte Flagge eines Staates führte7.

   
In diesem Zusammenhang wurden seit dem 18. Jahrhundert in unregelmäßigen Abständen Tafeln veröffentlicht, die alle Flaggen seefahrender Nationen abbildeten, die in Großbritannien anerkannt waren. Als Kuriosität findet man ab 1783 eine braunschweig-lüneburgische (=kurhannöversche) Flagge mit einem Pegasus auf rotem Tuch, welcher auf einer anderen Tafel gar als beflügelter Hund dargestellt wird. Dieser Fehler wird umso deutlicher, als daß auf denselben Tafeln auch die korrekte hannöversche Flagge (v.i.) abgebildet ist8,9. Die Britische Admiralität war sich über solche Fehler bewußt und klagte darüber, daß die Hersteller solcher Tafeln die einzelnen Fahnen selbst nie gesehen hätten und stattdessen ständig falsch von einander abschreiben würden2,7.
   
Während der Personalunion übte die britische Seefahrt einen großen Einfluß auf Hannover aus, zudem ein regelhafter Schiffsverkehr zwischen den niedersächsischen Stammlanden von seinen Häfen Harburg, Geestemünde (heutiges Bremerhaven), Papenburg und Emden mit den britischen Inseln ab 1726 eingerichtet wurde1,2. 1727 verfügte Kurfürst Georg II., daß alle seine Schiffe eine einheitliche Fahne führen sollten. In die linke, obere Ecke des roten Tuches wurde das Sachsenroß dem Unionjack zugefügt4,5,12,13,14. Diese Fahne galt sowohl für die zivile und Handelsschiffahrt als auch auch für staatliche („Königliche“) Schiffe. Sie kann nach heutiger Definition als Nationalflagge zur See betrachtet werden und war von der Britischen Admiralität anerkannt4. Sie entsprach, mit Ausnahme des Sachsenrosses, der auch heute noch gültigen zivilen Nationalflagge zur See Großbritanniens (engl.: Red Ensign).

Interessant dabei ist, daß die Verordnung über die Beflaggung von Schiffen vom Finanzministerizum veröffentlicht wurde, die hiermit auch gleich die zu erhebene Steuer festsetzten.

   
Als 1801 Irland ins Vereinigte Königreich von Großbritannien integriert wurde, erhielt der Union Jack das irische St. Patrickkreuz. Analog zu den britischen Fahnen wurden daraufhin auch die hannöverschen Fahnen geändert1,2,3,4,13,14. Auch nach Ende der Personalunion blieb diese Fahne als Nationalflagge zur See gültig2.13.

 

Die Dreimastbark „Wursata“ (Reederei E.Friedich Adickes & Co, Heuhausen/Amt Dorum), Heimathafen Geestemünde, segelte unter der hannöverschen Seeflagge. Das Originalgemälde befindet sich in Familienbesitz, eine Replik und die zugehörigen Informationen findet man im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven. Die Wursata lief 1854 vom Stapel, fuhr u.a die Strecke Bremen-New York. Sie erlitt 1867 bei Kap Horn Schiffbruch.
   
Im Schiffahrtsmuseum von Brake/Unterweser findet man dies Bild eines hannöverschen Segelschiffs mit entsprechender Beflaggung aus der Zeit nach dem Ende der Personalunion.
 
Diese noch gut erhaltene Originalfahne aus dem 19. Jahrhundert ist im Schiffahrtsmuseum Bremerhaven ausgestellt.

 

2. Dienst- und Marineflagge

Zur Zeit der Personalunion hatte Hannover keine eigene Kriegsmarine. Jedoch waren staatliche Zollschiffe an den Mündungen der drei großen Flüsse stationiert, und es waren außerdem sogenannte „Wachboote“ im Einsatz, deren Aufgabe a.e. mit derjenigen der heutigen Küstenwache verglichen werden kann2.

Alle diese Schiffe führten als einheitliche Flagge am Heck die Nationalflagge; um die staatlichen Schiffe von zivilen zu unterscheiden, wurde ein nichtgespaltener Wimpel am Hauptmast gehißt2,6,13. Im 18. Jahrhundert führten außerdem zivile Schiffe einen nicht näher bezeichneten Wimpel, der jedoch am Ende tief gespalten war2.

Bis zur französischen Besetzung während der napoleonischen Kriege wurde der britische Wimpel (engl.: Pennant), ergänzt durch das Sachsenroß im Georgskreuz, geführt2,6,13.
Für eine lange Zeit gab es nach dem Sieg über Napoleon keinen Wimpel. Erst 1852 wurde wieder ein solcher eingeführt. Nach dem Ende der Personalunion war dies jedoch nicht länger derjenige in den britischen Farben, zumal der britische Pennant abgeschafft worden war, sondern ein an die Nationalflagge angelehnter Wimpel2,6,13. Wimpel selber waren seinerzeit die allgemein übliche Beflaggung staatlicher Schiffe und wurden auch von den anderen deutschen Staaten verwendet7.

Als nach Schaffung des Deutschen Bundes auch ein gemeinsames Bundesheer eingerichtet wurde, begann man auch mit dem Aufbau einer gemeinsamen Kriegsmarine, der deutschen Reichsflotte unter Admiral Brommy. Zum Aufbau dieser Reichsflotte steuerte das Königreich Hannover zwei Radkorvetten und fünf Kanonenboote bei7.

Eine der Radkorvetten trug den Namen „Königlicher Ernst August“. Über die weiteren Schiffe fanden sich bislang leider keine weiteren Informationen7. Man erkennt die Bundesflagge am Heck und schemenhaft den Wimpel am Mast.
Am Heck trugen die Kriegsschiffe die Marineflagge des Deutschen Bundes7. Diese gemeinsame, deutsche Flagge war von der Britischen Admiralität nicht anerkannt, weil es zu dieser Zeit keinen deutschen Staat gab und einige (soveräne) deutsche Kleinstaaten das Bestehen eines „Deutschen Bundes“ öffentlich bestritten. Es sind Mittleilungen der Britischen Admiralität von 1848 und 1850 bekannt, die besagten, jedes Schiff unter dieser Flagge als Piraten aufbringen zu lassen, da es einen deutschen Staat nicht gäbe7. Am Mast führten die vom Königreich Hannover gestellten Schiffe daher die hannöversche Dienstflagge in Form des Wimpels2.

Es ist davon auszugehen, daß nach dem Ende der Reichsflotte 1852 wieder die hannöversche Nationalflagge am Heck (v.s.) gehißt wurde, wenn auch nur für kurze Zeit; die Radkorvette „Königlicher Ernst August“ wurde 1853 versteigert7.

   

3. Königliche Standarte

Bei Anwesenheit eines Mitglieds der königlichen Familie wurde nicht nur auf den Schlössern die königliche Standarte gehißt, sondern auch auf Schiffen.

Zur Zeit der Personalunion entsprach die hannöversche Standarte dem Royal Standard von Großbritannien.Trotz etwaiger anderer Abbildungen aus den Quellen 8 und 9 bestand kein Grund, daß eine andere Flagge als die britische Version Verwendung fand2,8.
Nachdem Georg III. 1801 sein Wappen geändert hatte, galt diese Standarte auch unter Georg IV. und Wilhelm IV. bis 18372,9,10.
In Lauries Werk von 1832 wurde die königliche Standarte vollkommen falsch abgebildet (links); Copley übernahm die Darstellung 1851 in seiner Aufstellung (rechts), was schließlich der Britischen Admiralität auffiel2,9,11. 1858 wurde über die britische Botschaft in Hannover offiziell nach einer „Königsfahne“ gefragt. Das hannöversche Hausministerium mußte daraufhin zugeben, daß es seit 1837 gar keine Königsfahne, bzw. eine königliche Standarte zur See mehr gegeben hatte. Da kürzlich eine königliche Yacht angeschafft worden war (Georg V. verbrachte die Sommerfrische gern auf Norderney), bestand jedoch Bedarf2.
In Anlehnung an die Standarte, die von 1801 bis 1837 üblich war, wurde in London unter Mitwirkung der Britischen Admiralität ein erstes Exemplar als Muster hergestellt. Von diesem Muster ausgehend wurden dann in Hambug weitere angefertigt und per Gesetz vom 16.9.1860 offiziell erlassen1,2.

 

4. Gösch

Den staatlichen Schiffen war es Pflicht, am Bug den linken-oberen Teil der Nationalflagge als Gösch zu hissen, wenn sie im Hafen lagen. Die Gösch wurde außerdem als Signalflagge der Lotsen verwendet2,14.

 

5. weitere Flaggen

 

In Großbritannien werden heutzutage Kriegs- und zivile Schiffe durch unterschiedliche Flaggen unterschieden: Die zivile Schiffahrt führt das Red Ensign, die Marine das White Ensign. Das war nicht immer so. Während die zivile Schiffahrt, wie in Hannover auch, stets das Red Ensign führte, war die britische Marine vor der Flottenreform von 1864 in drei Schwadronen eingeteilt. Je nach Zugehörigkeit zu einer der drei Schwadronen, führten die britischen Kriegsschiffe ihre Flagge nach den Landesfarben mit entweder rotem, weißem oder blauem Tuch. Die blaue und die weiße Flagge waren auf den hannöverschen Schiffen zur Zeit der Personalunion auf königlichen Befehl auch stets an Bord, wurden aber ausschließlich bei einer Begegnung mit einem britischen Kriegsschiff der blauen oder weißen Schwadron als Zeichen der Freundschaft und des Respekts gehißt2,14.

 

6. Die neue, aber nie eingeführte Nationalflagge von 1837

Nach dem Ende der Personalunion mit Großbritannien erschien die Beflaggung mit dem britischen Union Jack als überholt. Es wurde 1837 von der Zolldirektion Aurich eine neue Nationalflagge für die Schiffahrt entworfen, die das alte rote Tuch mit dem Sachsenroß in der Mitte mit den Landesfarben gelb und weiß verband. Die Landesfarben gelb und weiß hatten zu dieser Zeit an Land bereits den Charakter einer Nationalflagge. Diese neue Fahne wurde jedoch nie eingeführt. Einerseits war die 1801 eingeführte Nationalflagge international be- und anerkannt, andererseits schien die neue Flagge auch davon abgesehen auf wenig Gegenliebe gestoßen zu sein2.


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Quellen:

1) Böhm, E. Niedersachsen - Pferde, Stärken und Meer. Bremen 2013.

2) Neubecker, O. Die Geschichte der Flagge Hannovers. In: Hannoversche Geschichtsblätter. 3, 3/4:83-108. Hannover 1934.

3) Deutsches Schiffahrtsmuseum (Hrsg). Poster über die geschichtl. Entwicklung der deutschen Seeflaggen. Bremerhaven 1981.

4) Die Festsetzung einer Einförmigkeit der von sämtlichen Schiffahrenden hiesiger Lande zu führende Flagge betreffend, mit Vorakten 1726-1728. Hannover Def. 33 I. 5. Nr. 18. Hannover 1788-1791.

5) Hannöverisches Magazin. 101:1589ff. Hannover 1787.

6) Finanzministerium. Handels- und Schiffahrtsangelegenheiten. Schiffspapiere und Flagge, Generalia et Varia. Def. 115, AIII, T1. Hannover 1801-1860.

7) Arenhold, L. Die deutsche Reichsflotte 1848-1852. Berlin 1906.

8) Bowles. Naval Flags of All Nations. London 1783.

9) Laurie. Maritime Flags of All Nations. London 1832.

10) Brooke-Little, J.P. Beasts and Badges of Britain. Derby, 1987.

11) Copley, C. The Maritime Flags of All Nations. New York 1851.

12) Konigs, P. The Hanoverian Kings and Their Homeland. Sussex 1993.

13) Ministerium d. auswärtigen Angelegenheiten. Seeschiffahrt, Generalia et Varia. Hann. Def. 9. Hannover ohne Jahresangabe.

14) Graew, R. Die zweihundertjährige Geschichte der Elbzollfregatte zu Brunshausen und ihrer Kommandanten 1650-1850. Stade 1963.